Meine-Islam-Reform

Die persönliche Seite einer Religion

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Die Shahada

Orthodoxe Shahada als kalligrafischer Schriftzug in der Wasir-Khan-Moschee in LahoreDie Shahada ist die erste Säule des orthodoxen Islam und lautet: "La ilaha il allah muhammad rasululah" - "Es gibt keinen Gott außer Gott und Muhammad ist sein Gesandter". Es ist bemerkenswert, dass ein solches Glaubensbekenntnis im Koran nicht existiert. In Sure 3 Vers 18 findet sich lediglich folgendes:

"Allah bezeugt, daß es keinen Gott gibt außer ihm. Desgleichen die Engel und diejenigen, die das Offenbarungswissen besitzen. Er sorgt für Gerechtigkeit (qaa'iman bil-qisti). Es gibt keinen...


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Zu Islam, Frieden und Friedenmachen (1)

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 Der Name der Weltreligion „Islam“ wird im Deutschen üblicherweise mit „Unterwerfung“ übersetzt. Ist es berechtigt, statt dessen vom „islam“ als „Friedenmachen“ zu sprechen und damit eine wohl weniger beachtete, aber gerade heutzutage um so bedeutendere Dimension in den Blick zu rücken? Der vorliegende Beitrag  zieht zur Untersuchung dieser Frage sowohl nichtmuslimische als auch muslimische Quellen heran. Zwar haben die nichtmuslimischen Fachwissenschaftler sich  verschiedentlich zur Grundbedeutung des Wortes „islam“ geäußert, doch sind sie, wie hier erkennbar wird, anders als gemeinhin angenommen, in Wirklichkeit nicht zu einer übereinstimmenden Meinung gekommen. Sie sprechen vielmehr von teils ähnlichen, teils recht unterschiedlichen Konzepten wie „Heil“ aber auch „Ganzheit“, „Ausschließlichkeit“ u.a.m. 

 

 

 Anhand des Quellenmaterials, das sie erschlossen haben, läßt sich indes aufzeigen, daß die Dimensionen von „Frieden“ und „Friedenmachen“ durchaus bedeutsam sind, auch wenn sie von den Orientalisten praktisch nicht beachtet wurden. Dies gilt ebenso für das vor- bzw. außerkoranische Arabisch wie für die Deutung des Wortes und der ihm zugrunde liegenden Wortwurzel „aslama“ durch die anerkannten Koranausleger von der Frühzeit bis in die Moderne. Der Nachweis hierfür wird anhand von verschiedenen Belegstellen aus der arabischen Dichtung wie aus der koranexegetischen Literatur erbracht. Die Klärung der Frage, ob „Friedenmachen“ eine richtige und berechtigte Wiedergabe des Wortes „islam“ darstellt, mag in der Vergangenheit noch eine eher akademische Angelegenheit gewesen sein. Heute, da der Islam in den Blickpunkt der öffentlichen Debatte gerückt ist, handelt es sich dabei um eine politische Frage. Wer ehrlich am Frieden interessiert ist, am Frieden mit Gott und Frieden mit den Menschen, muß wissen und sich bewußt sein, daß der Islam, wie schon seine Name zeigt, eine Friedensangelegenheit ist.

   Seit ich vor 20 Jahren erstmals einen Vortrag „Islam – Weg zum Frieden“ hielt, mußte ich mir verschiedentlich die Frage gefallen lassen, wie ich dazu käme, das Wort „islam“ mit „Friedenmachen“ wiederzugeben, wo es doch bekanntermaßen nicht „Friedenmachen“ sondern „Unterwerfung“ bedeute. Auch als ich in der Einleitung zu meiner Koranübersetzung diese Wiedergabe nochmals aufgriff, erwies sich das für den einen oder anderen erneut als „Problem“.[1] Diese Interpretation des Islam als „das Friedenmachen“ schien manchem Zeitgenossen zumindest ungewöhnlich. Sie könne „zu abwegigen Folgerungen führen“. Auch die Verspottung „Friedensapostel“ wurde mir zur Ehre erteilt.

   Es lag mir seinerzeit nicht daran, mich in solch sinnlosen Diskussionen zu verlieren. Wer mit dem „islam“ als „Friedenmachen“ nicht leben kann, ist nicht gezwungen, es zu tun. Ich meinerseits konnte und kann damit leben, daß nicht jedermann meiner Ansicht ist. Daß ich diese Thematik indes nach so langer Zeit nun noch einmal aufgreife, hat einen anderen Grund. Inzwischen ist die Frage, was „islam“ tatsächlich bedeutet, für Muslime und Nichtmuslime in Deutschland von noch weitaus größerer Wichtigkeit als in der Vergangenheit. Während man sie früher vielleicht als eine mehr akademische betrachten konnte, steht sie heute zusammen mit dem Islam an sich im Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung. Ich erlaube mir, deshalb, am Ende noch einmal darauf zurückzukommen.

 

islam“ im Wörterbuch

   Den verschiedenen Hinweisen auf Sekundärliteratur braucht man aus offensichtlichen Gründen nicht nachzugehen. Abgesehen davon war der vielleicht simpelste Einwand gegen die These „islam heißt Friedenmachen“ tatsächlich: Das steht nicht im „Wehr“! Damit ist das arabisch-deutsche Standardwörterbuch gemeint, in dem es heißt:

    „islam Hingabe (an Gott), Ergebung (in Gott); - al-islam Religion des Islam, Zeitalter des Islam; die Muslims, die Muhammedaner.“[2]

   Nun darf man nicht übersehen, daß der Autor selbst sein Werk mit dem Titel „Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart“ zeitlich sehr konkret in die Gegenwart eingeordnet hat und zudem in seiner Einleitung auch deutlich auf die Folgen der Zusammenhänge zwischen alter und neuerer Sprache hinweist: „Daher kann dieses Wörterbuch nicht den Anspruch erheben, ein abgeschlossenes Hilfsmittel für die Lektüre der neuarabischen Literatur zu sein … der Benutzer wird sich im Einzelfall in einem Wörterbuch der älteren Sprache Auskunft holen müssen.“[3] Was eigentlich selbstverständlich ist, hält Wehr dennoch ausdrücklich fest: Es genügt nicht allein der Verweis auf sein Wörterbuch, sondern es bedarf doch etwas mehr Mühe, um komplexeren Fragen auf den Grund zu gehen.

   Selbst wenn unbestritten die heutzutage am weitesten verbreitete Wiedergabe des Wortes „islam“ in der deutschen Sprache „Unterwerfung“ oder auch „Ergebung“ sein dürfte, bedeutet das indes nicht, daß damit alle Fragen beantwortet sind. Die Debatte über Ursprung und Bedeutung des Wortes „islam“ ist nämlich keineswegs abgeschlossen. Andrew Rippin, der in seiner Einleitung zu dem Sammelband „Der Qur’an: Stil und Inhalt“ kurz die bisherige Diskussion skizziert, spricht dabei von ihrer „Zentralität“ aber auch ihrer „Ergebnislosigkeit.“[4] Wenn hiermit diese Debatte nochmals aufgegriffen wird, geht es somit um etwas, das sowohl im Mittelpunkt steht als auch noch offen ist.

 

islam“ und „Frieden machen“

   In unseren Tagen beschafft man sich Informationen meist viel leichter als zu Zeiten, in denen das Internet noch nicht nutzbar war. Wer heute auf der Seite „Google scholar“ im worldwideweb das Wort „islam“ eingibt, erhält auf der sich öffnenden ersten Seite der Ergebnisse eine Kopfzeile mit dem Hinweis [definition]. Dies angeklickt, stößt man auf folgende Information:

   „Islam. A monotheistic religion characterized by the acceptance of the doctrine of submission to God and to Muhammad as the chief and last prophet of God. 2. a. The people or nations that practice Islam; the Muslim world. b. The civilization developed by the Muslim world. [Arabic ‚islam, submission from ‚aslama, to surrender, resign oneself, from Syriac ´šlem, to make peace, surrender, derived stem of šlem, to be complete.]”

   Als Quelle wird eines der bekanntesten amerikanischen Lexika genannt: “The American Heritage Dictionary of the English Language”. Um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen, sei hier noch die deutsche Übersetzung der obigen Zeilen wiedergegeben, soweit sie den Ursprung des Wortes „islam“ betreffen: „Arabisch islam, Unterwerfung, von aslama, sich ergeben, sich in etwas ergeben, aus Syrisch  ´šlem Frieden machen, sich ergeben, abgeleiteter Stamm von šlem, vollständig sein.“[5]

   Dieser Text ist wörtlich aus besagter Quelle übernommen.[6] „Syrisch“ bedeutet hier die „syrisch“ genannte semitische Sprache, die in Bezug zum Aramäischen wie auch Arabischen steht. Folgt man diesem Hinweis, läßt sich also sagen: Das arabische Wort „islam“ bedeutet „Unterwerfung“ und ist hergeleitet von einer Wortwurzel ´šlem aus einer dem klassischen Arabisch verwandten semitischen Sprache, nämlich dem „Syrischen“, und in dieser alten Form bedeutet ´šlem „Frieden machen“ (to make peace).

   Wem dieser Hinweis nun nicht paßt, mag hiergegen dies und jenes einwenden, vielleicht das „Dictionary of the English Language“ sei kein Fachwerk für semitische Sprachwissenschaft, oder wenn auch die Wortwurzel ´šlem in der Tat „Frieden machen“ bedeute, gelte das nicht auch für die sprachgeschichtlich spätere arabische Form „aslama“ bzw. „islam“ u.a.m. Doch führt kein Weg daran vorbei, daß hier zumindest ein jedermann zugänglicher und unübersehbarer Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen „islam“ und „Friedenmachen“ vorliegt, und wer dies wissen und zur Kenntnis nehmen will, kann das ohne weiteres tun.

 

Frieden machen“ im Bibelhebräisch

   Ergänzend ist hier ein Blick auf die sprachliche Verwandtschaft zwischen der arabischen Wortwurzel ﻢ ﻞ ﺲ  s-l-m, die den Wörtern „salam, silm, salm“ (Frieden) und „islam“ zugrunde liegt, und dem hebräischen „schalom“ (Frieden) hilfreich. Immerhin gibt es auch im Alten Testament, das dem Koran und seinem Sprachgebrauch gegenüber erheblich älter ist, mehrfach Passagen, in denen Ableitungen von der hebräischen Wurzel שלם sch-l-m mit „Frieden machen“ übersetzt werden,[7] und zwar meist im ganz unmittelbaren Sinn des Friedenmachens als der Beendigung des Krieges:

„… und daß die zu Gibeon Frieden mit Israel gemacht hatten…“ (Josua 10,1)

Da aber die Könige … sahen, daß sie geschlagen waren vor Israel, machten sie Frieden mit Israel und wurden ihnen untertan …“ (2.Samuel 10,19)

Will sie aber nicht friedlich mit dir handeln (= Frieden mit dir machen) und will mit dir kriegen, so belagere sie.“ (5.Moses 20,12)

Und da die Knechte Hadadesers sahen, daß sie vor Israel geschlagen waren, machten sie Frieden mit David und wurden seine Knechte…“ (1.Chronik 19,19)

Und er hatte Frieden (= Frieden gemacht) mit dem König Israels.“ (1. Könige 22,45)

Wenn der Herr an eines Mannes Wegen gefallen hat, bringt er auch seine Feinde zum Frieden mit ihm (= läßt ER seine Feinde Frieden machen mit ihm).“ (Sprüche 16,7)

   Entscheidend für die hier erörterte Frage ist allerdings, ob es denn einen derartigen Sprachgebrauch nicht bloß im älteren Hebräisch, sondern möglicherweise auch im Arabischen gab oder gibt. Bevor wir uns dieser Untersuchung zuwenden, zunächst noch ein paar Gedanken zur Einstimmung.  

 

Wort und Bedeutung

   Jede Sprache hat ihre Eigenheiten, und das Wiedergeben von Aussagen und Inhalten einer Sprache in einer anderen Sprache ist nicht immer ganz einfach. Diese Schwierigkeit kennt jeder Übersetzer. Sprachverständnis hängt aber nicht allein von der Kenntnis der Form, also der Wörter und der Sprachregeln ab, sondern wird auch und nicht zuletzt von einer Fülle anderer Faktoren mitbestimmt, die wesentlichen Einfluß für das Erfassen der Bedeutung haben. Dies gilt nicht nur für Wörter und Redewendungen, die im übertragenen Sinn gebraucht werden, sondern insbesondere auch für sogenannte „Fachsprachen“. Für den König bedeutet beispielsweise „die Krone“ in der Regel – zumindest zuerst einmal – etwas anderes als für den Zahnarzt. Auch in der Koranauslegung kennt man den Grundsatz, daß eine der Voraussetzungen zum wirklichen Verständnis die Glaubenszugehörigkeit darstellt.

   Damit soll nicht gesagt sein, daß einem Nichtmuslim von vorn herein jegliche Einsicht in die Thematik abzusprechen ist, das wäre zu weit gegangen. Aber es sei doch darauf hingewiesen, daß sich dem Muslim, der den Islam lebt, die Bedeutungen von Wörtern aus seiner Religion und Lebensweise wohl eher und auch anders erschließen als dem Außenstehenden. Dies gilt natürlich auch und gerade für das Wort Islam selbst, mit dem die Religion und Lebensweise bezeichnet ist, die der Muslim lebt, während der Nichtmuslim sie oft nur oberflächlich, auf jeden Fall aber immer nur von außen kennt. Ich meine, es ist darum nicht falsch zu erwarten, daß auch die Wiedergabe des Wortes „islam“ mit „Friedenmachen“ wohl eher der muslimischen als der nichtmuslimischen Sicht entspringt. Ich verstehe, daß es einem Nichtmuslim schwerfällt, diese Wortbedeutung zu erkennen, denn ihm ist sie eher fremd. Vielleicht läßt sich die Schwierigkeit, um die es geht, ein wenig nachvollziehen, wenn man sich fragt, inwieweit beispielsweise ein Japaner wirklich nachempfinden kann, was einen Rheinländer anrührt, wenn er singt „Warum ist es am Rhein so schön…“. Sicher gibt es Parallelen, und auch der Rheinländer mag sich vorstellen, was dem Japaner der Anblick des Fudschijama und damit dieses Wort bedeutet. Aber wirklich ein und dasselbe Verständnis ist es wohl nicht, und ähnlich, meine ich, ist es auch da, wo ein Muslim und ein Nichtmuslim vom Islam reden.

 

islam“ und „Unterwerfung“ 

   Es verwundert indes nicht, daß im Deutschen im allgemeinen „islam“ nicht als „Friedenmachen“ verstanden wird. Dem Laien muß man das nachsehen, er übernimmt, was ihm die Experten anbieten. Als Experten auf dem Gebiet des Islam gelten in Deutschland und Europa und überhaupt die als Islamwissenschaftler oder auch Orientalisten bekannten Fachgelehrten. Ihr gesammeltes Wissen ist in der „Enzyklopädie des Islam“ komprimiert, die man auch gelegentlich als „die Bibel der Orientalisten“ bezeichnet. Sie ist Grundlage für das, was die Orientalistik als gesichertes Wissen über den Islam ansieht und auch an den Hochschulen lehrt. An der „EI“ kommt man nicht vorbei. Derzeit liegt sie in zweiter, stark überarbeiteter neuer Ausgabe vor. Der Artikel zum Stichwort „Islam“ ist fast sieben Seiten lang, überrascht aber damit, daß er zur Frage, der wir hier nachgehen, bis auf einen Satz gar keine Informationen enthält. Dieser Satz, mit dem der Artikel beginnt, lautet schlicht:

   „Islam, submission, total surrender (to God) – masdar of the IVth form of the root S L M.“ [8]

   Masdar bedeutet Verbalnomen, und der vierte Stamm der Wurzel S L M lautet „aslama“.

Das ist alles, was “die Bibel der Orientalisten” zur Etymologie des Wortes Islam zu sagen hat. Man muß daraus schließen, daß die Frage danach, was das Wort „islam“ eigentlich bedeutet, für die Orientalisten offenbar keiner Diskussion bedarf. Nach ihrem Verständnis heißt es eben „submission“ (Unterwerfung) und „total surrender“ (totale Ergebung)“ und damit basta! Lediglich der für den Laien nicht unbedingt verständliche Hinweis auf den IV. Stamm läßt ahnen, daß man möglicherweise, wenn man dieser Spur zu folgen gewillt ist, vielleicht doch noch etwas mehr in Erfahrung bringen könnte.

 

salam“ und „Heil“

   Die Frage danach, was das Wort „islam“ denn eigentlich bedeutet, scheint deshalb für die Fachwissenschaftler eindeutig beantwortet. Von Interesse ist dennoch, daß sich zumindest gelegentlich doch der eine oder andere Vertreter dieser Disziplin wagte, gegen den  allgemeinen Konsens aufzubegehren, ein Verhalten, daß in diesen Kreisen wenn auch nicht immer so doch immer wieder entweder mit scharfer Polemik oder ganz einfach Totschweigen geahndet wird. So hat man über den Versuch, „islam“ als „Eintreten in das Heil“ zu verstehen, kaum weiter diskutiert, obwohl ihm eine durchaus plausible Begründung schon dadurch zugrunde gelegt wurde, daß es sich dabei um den selben Zusammenhang mit „salam“ (Frieden) handeln könne wie bei dem Wort „ihram“ mit „haram“.[9] Der „ihram“ genannte Weihezustand des Wallfahrers bedeutet ja, daß der Wallfahrer das, was „haram“ (verboten) ist, beachtet.

   Schon hier ist übrigens ein Hinweis auf „islam“ als „das Friedenmachen“ gegeben. In der Tat ist es nämlich völlig richtig, das Wort „ihram“ für den Weihezustand des Wallfahrers als „Verbotenmachen“ von diversen an sich normalen und erlaubten Verhaltensweisen zu verstehen. Diese, wie beispielsweise keine Tiere zu jagen u.a.m., sind im Einzelnen durch die Regeln für die Wallfahrt angesprochen, und es ist der Wallfahrer, der sie für sich „verboten macht“, indem er bewußt und willentlich diesen Weihezustand annimmt und die Regeln beachtet.

   Dem Urheber des Gedankens „islam“ als „Eintreten in das Heil“ zu verstehen, Mark Lidzbarski, geht es indes nicht um „das Friedenmachen.“ Vielmehr hat er sich bei seiner Erörterung, aus Gründen, die hier im Einzelnen anzuführen nicht notwendig ist,[10] auf die Wiedergabe des Wortes „salam“ mit dem griechischen „soteria“ festgelegt, einen Ausdruck, für den er auch selbst im Deutschen das Wort „Heil“ gebraucht. Ihm zufolge entspricht also dem arabischen „salam“ (Frieden) das griechische „soteria“ und das deutsche „Heil“, denn: „Für die Leute nun, die eine dem hiğāzenischen[11] Arabisch nahestehende Mundart sprachen, war für den Begriff „in den Zustand der soteria, des salam eintreten aslama der nächstliegende Ausdruck.“[12]

   Immerhin hat er aber auch den Bezug zum „Frieden“ nicht gänzlich übersehen: „Dem Begriff „Heil“ ist von Haus aus das semitische  שלם [13] am adäquatesten. Aber im Kanaanäischen und Aramäischen wiegt hierfür die Bedeutung „Friede“ vor.“[14]

   Folglich könnte man auch sagen, da die Wurzel s-l-m nicht bloß als die von „Heil“ sondern auch als die von „Frieden“ anzusehen ist, daß „aslama“ eben nicht bloß „in das Heil eintreten“ sondern auch „in den Frieden eintreten“ bedeutet. Praktisch ist man damit schon bei „Friedenmachen“ für „islam“ angekommen, sowohl was die Parallele der Form zu „ihram“ und „ahrama“ im Sinne von „verboten machen“ angeht, als auch dem Wortsinn der Wurzel s-l-m zufolge.

 

Wie wissenschaftliche Wahrheit entsteht

   Wenn auch Lidzbarskis Ansicht die Meinung, „islam“ bedeute „Friedenmachen“ schon in gewisser Weise stützt, geht es im Folgenden nicht darum, sie gegen ihre Kritiker zu verteidigen. Vielmehr illustriert sein Fall die schon erwähnte Umgangsweise der orientalistischen Zunft mit unkonventionellen Ansichten, die im Folgenden skizziert sei:

   Wenige Jahre später greift nämlich Dawid Künstlinger erneut die Frage auf, was „islam“ bedeutet.[15]  Er erwähnt kurz seinen Vorgänger Lidzbarski, der „unter Salam (Islam)soteria“, unter aslama: in den Zustand des Heils eintreten und unter Muslim den, welcher in diesen Zustand eintrat“ versteht. Dem fügt Künstlinger noch die Anmerkung bei: „Ueber die Widerlegungen dieser Ansichten s. Nöldeke-Schwally das., Horovitz, Kor. Untersuchungen, Berl.-Lpz. 1926, 54 f., EI IV, 97. Torrey das.“[16]

   Diese umfangreichen Literaturhinweise vermitteln den Eindruck, als sei Lidzbarskis These von „islam“ als „in das Heil eintreten“ nicht mehr der Rede wert. Doch in Wirklichkeit enthalten diese Quellen nichts Widerlegendes. Nöldeke-Schwally ist 1909 erschienen und soll und kann folglich Lidzbarskis Veröffentlichung aus dem Jahr 1922 gar nicht betreffen.[17]

   Auch Horovitz widerlegt Lidzbarski nicht. Er schreibt lediglich: „Für aslama hat neuerdings Lidzbarski a.a.O. als ursprüngliche Bedeutung vorgeschlagen „in den Zustand des Heils (salām) eintreten“, aber mir erscheint seine Begründung nicht ausreichend, und ich möchte lieber an „sich ergeben“ als Grundbedeutung festhalten.“[18] Weiter befaßt sich Horovitz dann noch mit der Frage der möglichen Herleitung aus dem Aramäischen und schließt seine diesbezügliche Erörterung mit einem Hinweis, es scheine ihm nicht unmöglich, daß “aslama“ „nach aramäischem Vorbild auch in die religiöse Sphäre übertragen worden sei. Vielleicht war das schon vor Muhammad geschehen; in den Worten, die der Ğādimit an seine Frau richtet: aslimī Hubaiš ’alā nafadin min al-’aiš I. Hiš. 837,15 hat aslimi offenbar die Bedeutung „ergib dich in dein Schicksal.“[19]  Eine wirkliche „Widerlegung“ von Lidzbarski ist die auf ein „vielleicht“ gestützte Meinung von Horovitz wohl kaum. Auf die Bedeutung der zitierten Belegstelle in Ibn Hischam soll später noch näher eingegangen werden.

   Ebenso trägt die Enzyklopädie des Islam letztendlich nichts gegen Lidzbarski vor. Dort heißt es zwar: „Lidzbarski’s Vermutung (Ztschr. F. Semitistik I, 85 ff.), daß salam den durch „soteria“ ausgedrückten Begriff wiedergebe, mag dahingestellt bleiben, die von ihm vorgeschlagene Deutung von Islam als Infinitiv eines von salam-soteria gebildeten Denominativums aslama („in den Zustand … des Salam eintreten“) ist aber mit häufigen koranischen Ausdrücken aslama wadjhahu li llah, aslama li-Rabb al-Alamin u.ä, nicht in Einklang zu bringen.“[20]

   Lidzbarski hatte indes bereits ausdrücklich festgehalten, daß „aslama“ stellenweise auch „sich gänzlich Allah hingeben“ bedeutet: “Aber Muhammad sagt auch “aslama wadschhahu li-llah” … und er hat aslama sicherlich so aufgefaßt, wie es in der Folge von den muslimischen Erklärern und Philologen gedeutet wird: sich gänzlich Allah hingeben.” [21]

   Torrey schließlich ist noch weniger überzeugend als Horovitz. Schon Franz Rosenthal weist darauf hin, daß Torrey in der Tradition der Bibelwissenschaften stand, „die oft stolz darauf war, zu wissen, was für uns kaum zu wissen scheint, und es offensichtlich als die einzige mögliche Wahrheit zu verkünden“[22] und stellt fest: „Torreys Arbeit enthält eine ganze Menge, das umstritten oder sogar falsch ist.“[23]

   Auf die Grundannahme Torreys wie übrigens der Orientalisten im allgemeinen, daß der Prophet Muhammad (s) die Suren des Korans geschrieben habe[24] und auch er selbst es gewesen sei, der den Namen „islam“ wählte[25], ist hier nicht einzugehen, weil es sich dabei letztendlich um eine Glaubensfrage handelt, die sich einer wissenschaftlichen Debatte entzieht. Zu Lidzbarski äußert Torrey sich indes folgendermaßen:

   „… wenigstens ein bekannter Gelehrter hat vorgeschlagen, den Gebrauch dieses Verbstammes durch den Propheten als Übermittlung der Vorstellung von „in den Zustand der Sicherheit gelangen“ zu verstehen (Lidzbarski, in der Zeitschrift für Semitistik, I, 86). Die Bedeutung von „Islam“ wäre dann „Sicherheit“;[26] und angesichts des langen Katalogs von unbeschreiblichen Qualen in Gehenna, die den Ungläubigen versprochen sind, mag dies als ein ansprechender Name zu erscheinen. Die Interpretation ist jedoch angesichts von mehreren Passagen im Koran weit entfernt zu überzeugen.“[27]

   Nach einer weiteren Erörterung oder wenigstens Nennung dieser Koranstellen sucht man vergebens. Lediglich zieht Torrey noch einige Koranstellen heran, um zu untermauern, warum „islam“ nach seiner Ansicht „Unterwerfung“ bedeutet. Er ist der Meinung, dies beruhe darauf, daß Muhammad (s) sich Abraham und dessen „Unterwerfung“, insbesondere in 37:103,[28] zum Vorbild genommen habe. Inwiefern hier aber eine wirkliche Widerlegung von Lidzbarski zum Ausdruck kommt, ist nicht erkenntlich.

   Man kommt also nicht umhin zu konstatieren, daß „aslama „ als „in das Heil eintreten“ anders als vorgegeben, eben nicht widerlegt ist, denn Lidzbarski hat wie schon oben gesagt, ja gar nicht bestritten, daß „aslama“ stellenweise auch „sich gänzlich Allah hingeben“ bedeutet.[29] Zugleich ist dies ein lehrreiches Beispiel, das aufzeigt, wie manchmal aus nur wenig oder gar nicht begründeten persönlichen Ansichten „wissenschaftliche Wahrheiten“ werden.

 

islam“ und „Friedensbund“ 

   Immerhin aber verdanken wir Künstlinger einen zweiten, indes nach ihm gleichfalls praktisch nur wenig beachteten Gedanken. Er geht davon aus, daß schon im Alten Testament mit der Wurzel „sch-l-m“ sowohl sprachlich als auch inhaltlich der Gedanke an einen „Bund“ oder „Pakt“ verknüpft ist, [30] beispielsweise in Jesaja 26,12 „gewähre uns einen Friedensbund.“

   Demnach habe der Prophet Muhammad (s), dem auch hier die Wortschöpfung „islam“ zugeschrieben wird, unter „islam“ „nicht „sich dem Willen Gottes unterwerfen“ verstanden, sondern unter Islām begriff er: das gegenseitige Verhältnis zwischen Gott und Mensch; der Islām ist der Friedensbund zwischen ihnen beiden. Islām ist der Pakt, welcher auf beiderseitigen Verpflichtungen beruht. Allah zeigt dem Menschen an, was er zu tun und zu lassen hat. Der Mensch, der diese Bedingungen annimmt, auf diese Verpflichtungen eingeht, erwartet daraufhin von Allah ein Wohlergehen hienieden und im Jenseits. Dieser also abgeschlossene Vertrag – zum Frieden beider Parteien – wird Islām genannt. Es ist leicht begreiflich, daß slm, שלם ‚ganz, unverletzlich, heil sein, sich friedlich verhalten’ zu der Bezeichnung eines religiösen Verhältnisses geführt habe. Bedeutet Islām den friedlichen Pakt, so kann Muslim nur bedeuten: derjenige, welcher den Islām sich angeeignet, sich ihm eingegliedert, den Pakt geschlossen hat. Das Zeitwort aslama heißt: den Islām annehmen oder, bekennen, mit Allah einen Bund schließen, mit ihm in ein gegenseitiges Verhältnis treten, Muslim werden.“[31]

   Die hier zugrundegelegte Parallele zum alttestamentarischen Konzept des „Bundes“ zwischen Gott und den Menschen ist offensichtlich. Von besonderem Interesse für die hier erörtere Frage ist aber die Verknüpfung mit dem daraus resultierenden Zustand des „Friedens“. Wenn man, wie hier nicht unbegründet, unter „islam“ den „Friedensbund“ oder „friedlichen Pakt“ verstehen will, darf man ganz sicher auch „aslama“ als „den Friedensbund schließen“ oder „den Friedenspakt schließen“ und damit auch schlicht mit „Frieden machen“ wiedergeben.

 

 


 

[1] Dort wird „islam“ übersetzt mit „friedenmachende Ergebung.“

[2] Wehr, Hans: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart, Wiesbaden 1958, S.388.

[3] Wehr, op. cit., Einleitung S. IV f.

[4] Rippin, Andrew (Hg.): The Qur’an: Style and Content, Aldershot 2001, S. XV.

[5] An dieser Stelle ein Hinweis zur Umschrift fremdsprachiger Wörter: In den zahlreichen Quellen stößt man auf teils sehr unterschiedliche Formen. Soweit möglich gebe ich die in der jeweils zitierten Quelle verwendete Umschrift wieder und nehme die daraus folgende Uneinheitlichkeit in Kauf. Ansonsten gebrauche ich eine vereinfachte Form, die es dem Laien ermöglicht, das jeweilige Wort einigermaßen korrekt auszusprechen. Für den Fachwissenschaftler sollte die Umschrift ohnehin kaum erforderlich sein.

[6] The American Heritage Dictionnary of the English Languge, <?xml:namespace prefix = st1 ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:smarttags" />Boston und New York 2000, S. 927, dazu auch Appendix II, S.2060-1.

[7] Vgl. Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart 1995, Bd.8, Sp.94-101, hier Sp.99. Es handelt sich dabei offenbar auch konkret um die dem sog. Arabischen IV. Stamm entsprechende Form des Hebräischen.

[8] The Encyclopdaedia of Islam, New Edition, Leiden 1978, Bd. IV, S.171. Der Vollständigkeit halber sei darauf verwiesen, daß der Artikel “salam” in The Encyclopdaedia of Islam, New Edition, Leiden 1999, VIII, 915-18 nichts Wesentliches zu der hier erörterten Frage beiträgt. Unter „Muslim“ findet man als Definition des Wortes: „Das Partizip Aktiv des IV. Stammes der Wurzel s-l-m  bezeichnet die Person, die sich zum Islam bekennt,“

vgl. The Encyclopdaedia of Islam, New Edition, Leiden 1992, Bd.VIII, S.688.

[9] Vgl. Lidzbarski, Mark: Salam und Islam, in: Zeitschrift für Semitistik, Leipzig 1922, Bd.1, 85-96.

[10] Ebd., S.87 f.

[11] von Hidschas, dem Namen der Gegend am Roten Meer, wo auch die Stadt Mekka liegt, in deren Sprache der Qur’an niedergeschrieben ist.

[12] Ebd., S.88.

[13] D.h. „sch-l-m“.

[14] Ebd., S.87. Mit dem ungebräuchlichen Ausdruck „wiegt vor“ meint der Autor vielleicht „überwiegt“, oder es handelt sich um einen Druckfehler für „liegt vor“.

[15] Künstlinger, Dawid: „Islam“, „Muslim“,“aslama“ im Kuran, in: Rocznik Orjentalistyczny, Lwow 1936, Bd. XI (1935), S.129-137.

[16] Ebd., S.129 und  Anm.3.

[17] Nöldeke, Theodor: Geschichte des Qorans, Zweite Auflage bearbeitet von Friedrich Schwally, Leipzig 1909, S.20, Anm.2. Dieser Hinweis bezieht sich lediglich auf den untauglichen Versuch von Margoliouth, eine Verbindung zu dem falschen Propheten Musailima herzustellen. den Künstlinger zusammen mit Lidzbarski erwähnt hat. Durchaus interessant ist aber die dortige Bemerkung „Indessen ist aslama „hingeben“ vielleicht alte Entlehnung aus dem aramäischen“.

[18] Horovitz, Josef: Koranische Untersuchungen, Berlin u. Leipzig 1926, S. 54 f.

[19] Ebd. S.55.

[20] Enzyklopaedie des Islam, Leiden 1934, Bd. IV, S. 97, wiederholt in The Encyclopedia of Islam, New Edition, Leiden 1999 Bd. VIII, S.916. Der Autor dieses Artikels war C. van Arendonk.

[21] Lidzbarski, op. cit., S. 86. Ebenso wie schon van Arendonk ignorierten dies übrigens auch Torrey  op.cit. und Ringgren Helmer: Islam, aslama and muslim, Uppsala 1949, S.4 sowie die Encyclopedia of Islam New Edition, Bd. VIII, S.916, (im Artikel „salam“, ebenfalls verfaßt von C. van Arendonk), was noch einmal als Indiz dafür gelten kann, wie „wissenschaftliche Wahrheit“ entsteht.

[22] Torrey, Charles Cutler: The Jewish Foundation of Islam. Introduction by Franz Rosenthal, New York 1967, S. VII.

[23] Ebd., S. XXII.

[24] Torrey, op. cit., S.93.

[25] Torrey, op. cit., S.101.

[26] Torrey verwendet hier das englische Wort „safety“, obwohl es bei Lidzbarski gerade nicht „Sicherheit“, sondern „Heil“ heißt. Mit Bezug auf das von Lidzbarski zugrundegelegte griechische „soteria“ käme hier im Englischen also wohl eher „salvation“ statt „safety“ in Frage.

[27] Torrey, op. cit., S.101.

[28] Torrey, op. cit., S.104.

[29] Er schreibt: “Aber Muhammad sagt auch “aslama wadschhahu li-llah” … und er hat aslama sicherlich so aufgefaßt, wie es in der Folge von den muslimischen Erklärern und Philologen gedeutet wird: sich gänzlich Allah hingeben.” Lidzbarski, op. cit., S. 86. Ebenso wie Torrey ignoriert dies übrigens auch Ringgren Helmer: Islam, aslama and muslim, Uppsala 1949, S.4 und die Encyclopedia of Islam New Edition, Leiden 1999, Bd. VIII, S.916, was noch einmal als Indiz dafür gelten kann, wie „wissenschaftliche Wahrheit“ entsteht.

[30] Künstlinger erwähnt eingangs kurz Lidzbarksi und gibt in einer Fußnote einige Quellenhinweise „Ueber die Widerlegungen dieser Ansichten…“, doch enthalten diese Quellen wie gesagt nichts wirklich Widerlegendes.

[31] Ebd., S.133 f.

 

 

Quelle: http://www.al-islam-web.de/ZU_ISLAM_FRIEDEN_UND_FRIEDENM.16.0.html


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