Meine-Islam-Reform

Die persönliche Seite einer Religion

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Das Fasten im Koran

Über die Praktik des Fastens wird im Koran vergleichsweise wenig ausgesagt und nur wenige Verse geben die Regeln des Fastens wieder:

Sure 2 Verse 183-187:

"Ihr Gläubigen! Euch ist vorgeschrieben, zu fasten, so wie es auch denjenigen, die vor euch lebten, vorgeschrieben worden ist. Vielleicht werdet ihr gottesfürchtig sein. (Das Fasten ist) eine bestimmte Anzahl von Tagen (einzuhalten). Und wenn einer von euch krank ist oder sich auf einer Reise befindet (und deshalb nicht fasten kann, ist ihm)...


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Zu Islam, Frieden und Friedenmachen (2)

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islam“ und „Ganzheit“

   Die bislang umfassendste Erörterung des Fragenkomplexes nach Ursprung und Bedeutung des Wortes „islam“ hat der schwedische Semitist Helmer Ringgren vorgelegt. Allerdings wurde auch sie von vielen seiner Fachkollegen ignoriert und spielt insbesondere in der „Enzyklopädie des Islam“ keine Rolle. Im Artikel „Islam“ kommt sie überhaupt nicht vor,[32] im Artikel „Salam“ wird sie lediglich am Ende der Bibliographie als letztes angezeigt,[33] doch ist in dem Artikel selbst kein Bezug darauf erkennbar. Auch ist sie nicht vollständig, denn sie läßt beispielsweise die Fülle der koranexegetischen Literatur und ebenso die arabischen lexikographischen Fachbücher praktisch unberücksichtigt.

   Es kann an dieser Stelle nicht auf jede Einzelheit dessen eingegangen werden, was Ringgren vorträgt. Doch seine Arbeit ist besonders deshalb ausgesprochen hilfreich, weil sie vor allem eine bisher sonst nicht verfügbare Zusammentragung von Belegstellen für das Wort „aslama“ in der außer- und vorkoranischen Sprache der arabischen Dichtung bietet. Nach einer Betrachtung der verschiedenen von „salima“ hergeleiteten Stämme und Wörter, den IV. Stamm „aslama“ zunächst ausgenommen, kommt Ringgren zu dem Schluß:

   „Die fraglichen Wörter drücken etwas aus, das ganz, unzerbrochen und unzertrennt und darum unversehrt und gesund oder friedvoll und harmonisch ist. Der selbe Gedanke von Ganzheitlichkeit ist in den Fällen hinter den Wörtern, die uns begegneten, wenn sie eine völlige Ergebung oder Unterwerfung bezeichnen. Die Betonung liegt auf Ganzheit, nicht auf Unterwerfung.“[34]

   Es ist also schon hier erkennbar, daß zumindest Ringgren, der das vorliegende Sprachmaterial am vollständigsten erfaßt hat, der eindeutigen Fixierung auf die Bedeutung „Unterwerfung“ für „islam“ eine Abfuhr erteilt. Noch deutlicher wird das, nachdem er sich konkret mit den Ableitungen des IV. Stammes „aslama“ befaßt hat, um den es ja hier letztendlich geht. Zwar schreibt er zunächst hinsichtlich des Gebrauchs und der Bedeutung dieser Wörter in der Dichtkunst: „Hier ist das erste, das uns auffällt, daß die Verbindung mit Frieden fast völlig verloren ist“,[35] ergänzt dies aber zugleich mit dem Hinweis „Dies sollte betont werden im Gegensatz zum Südarabischen, wo  אסלם  einfach „Frieden schließen“ bedeutet.“[36] Dennoch sind nach Ringgren die Beispiele dafür, daß die Verbindung mit Frieden hier „fast völlig verloren ist“ so zahlreich, daß er sie gar nicht alle anführt. Immerhin nennt er aber insgesamt sechzehn, bei denen ebenso wie schon bei der vorherigen Betrachtung von „salima“ und dessen Ableitungen die „Ganzheit“ (totality) eine Rolle spielt. Interessanterweise fährt Ringgren dann fort:

   „Aber gibt es irgendwelche Fälle, in denen aslama „sich unterwerfen“ oder „sich ergeben in“ bedeuten könnte? Sie sind nicht zahlreich und können auch nicht als klar und unzweideutig bezeichnet werden. Wir beginnen mit zwei Versen, in denen es auch vorstellbar ist, es mit „Frieden schließen“ zu übersetzen:

 

I.H. 836, 12.    و لو لا  مقال  القوم  للقوم  اسلموا    للاقت  سليم  يوم  ذلك  ناطحا

Wenn manche der Leute nicht zu anderen gesagt hätten: Schließt Frieden! (oder: Ergebt euch! Oder: Nehmt den Islam an!), wäre an diesem Tag Sulaim eine (große) Katastrophe begegnet.“

 

I.H. 806,3.     قد  كنتم  ُولدا  وكنّا  والدا     ثمّت  اسلمنا  فلم  ننزع   يدا

„ … ihr wart Kinder, und wir waren Eltern; dann machten wir Frieden und haben keine Hand gerührt.“[37]

 

   Es ist schon merkwürdig, daß Ringgren an dieser Stelle, wo er selbst darauf hinweist und „aslama“ mit „Frieden machen“ übersetzt hat, die Frage danach gar nicht stellt, ob denn dann nicht vielleicht zwischen „aslama“ und „Frieden machen“ eine solche Verbindung besteht, die auch zu einem Verständnis von „islam“ als „Friedenmachen“ führt. Offenbar ist ihm aber der Blick dafür verstellt, weil er bereits so stark auf die Bedeutung der „Ganzheit“ (totality) fixiert ist. Denn es entgeht ihm auch, daß über diese beiden Beispiele hinaus ebenso in weiteren, die er sodann selbst anführt, um aufzuzeigen, daß „aslama“ nicht primär „sich unterwerfen“ meint, eine Übersetzung mit „Frieden machen“ durchaus Sinn ergibt:

 

   „I.H. 419, 16.     و امر بالاسلام  فلا  يقبلون      و ينزل  منهم  مثل  منزلة  الهزال

„ … und eine Anweisung zur Unterwerfung (oder: zum Islam), aber sie haben sie nicht angenommen, und sie nahm für sie den Platz (d.h. sie hielten sie für) eines Scherzes ein.“

 

   An diese Belegstelle anschließend erläutert Ringgren selbst: „Die Unschlüssigkeit zwischen den Wiedergaben „Unterwerfung“ (oder möglicherweise: „Ergebung“) und „Islam“ folgt aus der Tatsache, daß Ergebung gegenüber Muhammad zugleich Annahme des Islam und umgekehrt war.“[38] Es wird bei der ausführlicheren Erörterung einer weiteren Stelle aus Ibn Hischam ersichtlich werden, daß im obigen Fall durchaus auch übersetzt werden könnte:

„ … und eine Anweisung zum Friedenmachen, aber sie haben sie nicht angenommen, und sie hielten sie für einen Scherz“, denn ebenso wie „Ergebung gegenüber Muhammad zugleich Annahme des Islam und umgekehrt war“, so war auch Ergebung und Annahme des Islam zugleich Ende von Krieg und eben Friedenmachen!

 

   Auch das vierte und das fünfte Beispiel, das Ringgren noch für die Übersetzung mit „Unterwerfung“ anführt, erlaubt die Wiedergabe mit „Frieden machen“ ohne den Sinn wirklich zu entstellen:

 

 „I.H. 851, 3.      وكنّا أسد  ليّة  ثَمّ  حتى    ابحناها  و اسلمت  النصور

Und wir waren dort (wie) Löwen aus Lija, so daß wir sie der Zerstörung preisgaben (wörtl. : sie ‚erlaubt’ machten) und die Nasriden ergaben sich.“[39]

 

   Es ist offensichtlich, daß es hier um das Ende des Kampfes geht, so daß hier zweifelsfrei auch gesagt werden könnte: „… und die Nasriden machten Frieden.“

 

Al-Hansa S. 38,3.      و اسلمت  بعد  نقف  البيض  و اعتسفت       من  بعد  لذة  عيش غير مقتور

Und sie gab auf … nach den Schlägen des Schwertes …“ – Die Frau wurde gefangengenommen, nachdem alle Männer ihres Stammes tödlich verwundet worden waren.“[40]

 

   Wiederum geht es um das Ende des Kampfes, und wenn auch in diesem Fall der Zusammenhang nahelegt, besser für „aslamat“ „sie gab auf“ zu sagen, wäre doch auch „sie machte Frieden“ nicht falsch.

 

   Ringgren möchte aber in den beiden letzten Fällen am liebsten gar nicht aslamat, sondern uslimat lesen, also „sie wurde(n) aufgegeben“, „so daß der Sinn von Ergebung zumindest unsicher ist.“[41] Allerdings teilt er nicht mit, wie er das Wort dann in diesen Zusammenhängen anders übersetzen möchte. Mit „Ganzheit“ (totality) paßt es hier jedenfalls überhaupt nicht zusammen. Zudem fährt er dann mit Blick auf die schon oben erwähnte Ansicht von Horovitz fort: „Noch unsicherer scheint mir Horovitzs Annahme, daß aslama die religiöse Bedeutung von „sich dem Willen Gottes ergeben“ bereits vor Muhammad angenommen haben könnte. Die einzige Passage, die er zur Unterstützung dieser Annahme zitieren kann, ist die von I.H. 837, 15   اسلمى حبيش  على نفد من العيش (aslimī Hubaiš ’alā nafadin min al-’aiš), wo er  أْسلمى  (aslimī) wiedergibt mit „ergib dich in dein Schicksal“. Aber wir könnten auch islámī vokalisieren  und übersetzen: „Mögest du sicher sein, o Hubaiša, gegen aus dem Leben zu gehen.“[42] Auf diesen Deutungsversuch will ich später noch zurückkommen und näher eingehen.

 

   Als nächstes wendet sich Ringgren der Ansicht von Bravmann zu, der „denkt, daß aslama bedeutet, sein Leben in Übereinstimmung mit dem arabischen heroischen Ideal, in diesem speziellen Fall, für Allah aufs Spiel zu setzen. „Aber die angeführten Beispiele zum Beweis dieser These sind nicht ganz unzweideutig, und Bravmanns Interpretation derselben scheint nicht überzeugend.“[43]

   Es ist klar, daß dieser Ansatz an sich kaum mit dem Gedanken des „Friedenmachens“ im Einklang steht. Um so auffälliger ist, daß sogar hier in einem Fall ein direkter Bezug zwischen „aslama“ und „Frieden machen“ erkennbar ist:

 

   „Abbas ibn Mirdas in I.H. 865,9. اطعنا لك  حتى اسلم الناس كلهم     و صبحنا الجمع اهل يلملما

 

   Hier soll diese Zeile nach Bravmann lauten:

   „Wir gehorchten dir bis alle (unsere) Männer ihr Leben riskierend kämpften und am Morgen griffen wir die Männer von Ialamlam in einer Gesamtheit an“, während Ringgren für besser hält: „Wir gehorchten dir, so daß alle Männer sich selbst (in dem Kampf) aufgaben“, d.h. sie waren völlig vertieft im Kämpfen, „ und am Morgen griffen wir die Männer von Ialamlam in einer Gesamtheit an“.[44] Ringgrens Interpretation von „aslama“ an dieser Stelle als „sich selbst (im Kampf) aufgeben“ im Sinne von „gänzlich vertieft“ sein, zeigt, wie schwierig es ihm fällt, sich von seiner grundlegenden Sicht des Konzepts der „Ganzheit“ (totality) zu lösen.

   Betrachtet man indes die Zeile im Zusammenhang, in dem sie steht, wird klar, daß es

hier um die Beendigung eines Kampfes geht. Entsprechend übersetzte schon Weil die Zeile:

Wir gehorchten Dir, bis sie sich Alle ergaben, und wir am Morgen die Leute von Jalamlam überfielen.“[45] Es entstellt den Sinn keineswegs, wenn man hier sagen würde:

   „Wir gehorchten Dir, bis alle Frieden machten, und wir am Morgen die Leute von Jalamlam überfielen.“ Im Übrigen sollte auch hier, wie schon oben gesagt, gelten, daß ebenso wie „Ergebung gegenüber Muhammad zugleich Annahme des Islam und umgekehrt war“,[46] auch Ergebung und Annahme des Islam zugleich Ende von Krieg und eben Frieden machen bedeutete!

   Hinsichtlich des vor- bzw. außerkoranischen Arabisch stellt Ringgren abschließend fest: „Die übliche Bedeutung des Verbs aslama ist „ablassen oder etwas aufgeben, oder etwas gänzlich loslassen“. Wir fanden auch einige zweifelhafte Fälle, in denen es vielleicht den Gedanken von Unterwerfung oder Ergebung ausdrücken mag.“[47]

   Im Vergleich zu seiner Erörterung der nichtkoranischen Texte wird Ringgren, sobald er sich nun mit dem Koran befaßt, zunehmend kürzer und unpräziser. So hält er fest, daß „in den meisten Fällen, in denen aslama absolut gebraucht ist, es natürlich ein Fachausdruck für das Bekennen der Religion Muhammads ist, und islam ist diese Religion selbst und muslim ist ihr Anhänger. Es überrascht dann nicht, daß viele dieser Passagen uns nicht viel Anleitung zur Bestimmung des Konzeptes hinter dem Wort geben … Manchmal, das ist wahr, werden wir uns mit einer allgemeinen Vorstellung von sozusagen der Atmosphäre der Passage zufriedengeben müssen, in welcher dieses Wort vorkommt, aber dürfen wir diese nicht auch als ein Anzeichen für den Sinn des Wortes nehmen?“[48]

   Die anschließend unter diesen Voraussetzungen vorgenommene kurze Betrachtung von verschiedenen Koranstellen, an denen „aslama“ oder „muslim“ bzw. „muslimun“ vorkommt, nimmt nur noch fünf Seiten ein. Von den insgesamt sieben Stellen, an denen das Wort „islam“ als solches unmittelbar im Koran steht, wird praktisch nur eine näher betrachtet, nämlich 49:14-17, um den Unterschied zwischen „iman“ (Glauben) und „islam“ darzustellen. Immerhin aber liefert Ringgren dabei unbemerkt auch hier einen Hinweis auf die Bedeutung von „islam“ als „Friedenmachen“, denn er zitiert hier den Koranausleger Baidawi zu Erläuterung des Unterschieds zwischen Glauben (iman) und Islam:

   „Glauben ist die Annahme (von etwas) als wahr, verbunden mit Vertrauen und Ruhe des Gemüts“, aber „Islam Gehorsam (oder: Unterwerfung) und Eintreten in Frieden und Aussprechen des Bekenntnisses (schahada) und Aufgeben der Feindschaft, die man gezeigt hat.“[49]

   Letztendlich kommt Ringgren zu dem Schluß, daß zur Religion des Islam „Unterwerfung“, „Selbst-Ergebung“, „Furcht“, aber auch „Glaube“ und „Vertrauen in Gott“ gehören, und „in vielen Fällen Unterwerfung und Glauben. sogar identisch sind. Gänzliche Ergebung ist gänzliches Vertrauen.“[50]

 

   Es sei noch einmal in Erinnerung gerufen, daß die hier vorgenommene ausführliche Betrachtung der Studie Ringgrens vor allem deshalb erfolgte, weil auf diesem Weg eine Berücksichtigung der vor- bzw. außerkoranischen Bedeutungen von „aslama“ erleichtert ist. Es ging also gar nicht darum, Ringgrens Schlüssen, auch denen über die Bedeutung von „aslama“ im Koran, zu widersprechen, sondern vielmehr, das Material, das er herangezogen hat, daraufhin zu untersuchen, ob es nicht vielleicht auch noch weiterreichende Hinweise enthält, die etwas zur Verbindung zwischen „aslama“ und „Frieden machen“ beitragen.

   Ringgren hat übrigens auch Beispiele genannt, in denen schon die Grundform, der sogenannte I. Stamm, also „salima“ nicht bloß „heil sein“ sondern „Frieden machen“ bedeutet.[51] Es kann darum schon deshalb nicht falsch sein, ebenso den Begriff „Frieden“ in der Wortwurzel schon angelegt und folglich den IV. Stamm „aslama“ somit als „Frieden machen“ zu sehen. Entscheidend aber sind die hier festgestellten mehrfachen Belege dafür, daß „aslama“ schon im vor- bzw. außerkoranischen Arabisch auch in diesem Sinn gebraucht wurde.

 

islam“ und „Ausschließlichkeit“

   Ergänzend sei hier auch noch kurz auf den Versuch hingewiesen, den Z.H. Baneth unternommen hat, um die Bedeutung des Begriffs „islam“ zu klären.[52] Er meint, daß die am weitesten verbreitete Erklärung von „aslama“ als „unterwerfen, ergeben, sich (Gott) ergeben“, die auch Ringgren letztlich angenommen habe, weder in den Belegstellen der arabischen Dichtung noch im Koran immer notwendigerweise so verstanden werden müsse. Während Ringgren zunächst der Aspekt der „Ganzheit“ (totality) in den Vordergrund gestellt hat, geht es nach Baneths Meinung um die „Ausschließlichkeit“, d.h. „islam“ im Gegensatz zu „schirk“ und mit der Bedeutung von „einem allein dienen.[53] Im Übrigen bewertet Baneth selbst seine Ausführungen als „einen Vorschlag für weitere Forschung, nicht eine voll bewiesene Theorie“[54]  und erwähnt nichts Weiterführendes, das im Hinblick auf „islam“ als „Friedenmachen“ von Belang wäre.

 

islam“ und „Frieden“

   Der Vollständigkeit halber sei hier ebenso noch der nahezu vergessene Artikel „Islam als ein Begriff“[55] von James Robson gestreift. Er wendet sich dagegen, daß verschiedene, meist muslimische Autoren, den Begriff „islam“ mit „Frieden“ in Verbindung bringen wollen. Zwar möchte er nicht bestreiten, „daß jene, die sich selbst Gott ergeben, nicht Frieden in ihren Herzen verspüren“,[56]  doch stellt er fest: „Das Wort Islam bedeutet nicht Frieden…Während die Grundbedeutung von Islam Ergebung in Gott ist, wird es zu einem Eigennamen, um die Religion zu bezeichnen. Darüber hinaus ist man nicht gerechtfertigt zu gehen.“[57]

   Robson stützt eine Sicht auf die Angaben muslimischer Lexikographen, vor allem Dschauhari, Lisan al-’Arab und Tadsch al-Arus sowie den Korankommentar von al-Baidawi. Da auf diese Quellen später noch im einzelnen einzugehen ist, müssen seine Zitate und Folgerungen daraus hier nicht kommentiert werden. Sein Fazit, daß „islam“ nicht „Frieden“ bedeutet, ist unstrittig richtig. Merkwürdigerweise hat er aber die eigentlich naheliegende Frage, ob es nicht „Friedenmachen“ bedeuten kann, überhaupt nicht bedacht, obwohl er eine Anmerkung aus der Koranübersetzung von Muhammad Ali zitiert, in der es heißt: „Das Wort Islam bedeutet nicht nur Unterwerfung, es bedeutet auch Eintreten in Frieden, von aslama, was er trat in Frieden ein bedeutet. In der Tat ist der Gedanke des Friedens der vorherrschende Gedanke im Islam, und das Ziel, zu dem der Islam hinführt, wird der Aufenthalt des Friedens genannt.“[58]

 

islam“ persönlich und gemeinschaftlich

   Weitere Quellen hat Jane I. Smith in ihrer Dissertation „Eine historische und semantische  Studie des Begriffs Islam wie in einer Folge von Korankommentaren gesehen“ herangezogen.[59] Dabei kam es ihr vor allem darauf an, Unterschiede und Beziehungen zwischen dem Begriff „islam“ als persönliche religiöse Haltung und Erfahrung einerseits und als Bezeichnung für die Religionsgemeinschaft andererseits herauszuarbeiten. Zu diesem Zweck konzentriert sie sich auf die insgesamt acht Stellen, an denen im Koran das Wort „islam“ vorkommt und betrachtet diese unter Heranziehung von 16 verschiedenen Korankommentaren, die so gewählt wurden, daß in etwa jedes Jahrhundert berücksichtigt ist. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß im Laufe der Jahrhunderte wohl eine gewisse Akzentverschiebung bei der Beschreibung des Begriffs „islam“ festzustellen ist, zugleich aber zweifelsfrei ein Grundverständnis besteht: „Wie einzelne Strahlen von Licht einzelne Facetten eines vielseitigen Edelsteins erleuchten, haben diese Autoren die Individualität der verschiedenen Elemente betont, welche die Gesamtheit von islam ausmachen…“[60] „Islam beginnt als ein Stamm, verdoppelt sich dann, teilt sich dann in viele Zweige. Aber der gemeinsame Stamm bleibt, das, was alle die ihm gegebenen verschiedenen Interpretationen und Betonungen zusammenhält, und dieser gemeinsame Stamm ist die Anerkennung von und die Antwort auf das Wesen und den Willen Gottes. Ob als die individuelle Unterwerfung des Dieners unter Annahme des Herzens und Gehorsam der Glieder gesehen, oder als die Gemeinschaft, allen Menschen vereint in Liebe und Frieden offen, ist islam der einzige von Gott angenommene din,[61] genau deshalb weil er sein Dasein Ihm und Ihm allein verdankt. Zu Ihm kehrt alles zurück – jeder, der am islam teilhat und jedes Verstehen der Bedeutung von islam – und darin liegt die große Einheit, auf die alle Korankommentatoren, trotz ihrer Unterschiede, hingewiesen haben.“[62]

   Hier ist erkennbar eine ganz andere Betrachtungsweise zugrundegelegt als die der zuvor herangezogenen Autoren. Doch statt dieser weiter nachzugehen, soll im folgenden darauf aufmerksam gemacht werden, inwiefern sich aus dem vorgelegten Quellenmaterial Bezüge zwischen „islam“ und „Friedenmachen“ erkennen lassen. Dabei ist auffällig, daß Smith in der Tat mehrere solche Bezüge mitteilt, indes – wie schon zuvor Ringgren - nicht näher auf sie eingeht, vermutlich einfach deshalb, weil ihre Aufmerksamkeit ganz auf die Beziehungen zwischen „islam“ als persönlicher religiöser Haltung und als Gemeinschaftsphänomen gerichtet ist.  Auch gibt es in den von ihr benutzten Quellen darüber hinaus noch  mehr Hinweise, die sie aber wohl aus demselben Grund nicht mitteilt, zumal sie ihre Belegstellen meist nur jeweils als Auszüge wiedergibt. Da nachstehend noch ausführlicher von der Koranexegese die Rede sein soll, genügt es hier, die für den Bezug zwischen „islam“ und „Friedenmachen“ bedeutsamen Hinweise aus ihrem Material zunächst nur aufzulisten, ohne sie weiter zu kommentieren:

 

Al-Dschauhari (gest. 400/1009-10): tadsch al-lugah

as-silm (2:208) ist al-islam“[63]

 

Ar-Ragib al-Isfahani (gest. 502/1108-9): al-mufradat fi garib al-qur’an

islam ist Eintreten in as-salm in dem Sinn, daß jeder der in ihn eintritt sicher davor ist, Schaden von seinen Gefährten zu erleiden“[64]

 

At-Tabari (gest. 310/923): dschami’ al-bajan ’an ta’wil ajat al-qur’an

salama bedeutet eintreten in as-silm … und es ist Folgen (al-inqijad)[65] durch Demut (al-chudu’)  und mit Widerstand aufhören.“[66]

 

At-Tusi (gest. 460/1067): at-tibjan fi tafsir al-qur’an

Smith führt aus, daß dieser schiitische Korankommentar sich im Hinblick auf die Erörterung des Begriffs „islam“ in Übereinstimmung mit Tabari befindet.[67] Konkret wird dabei auch die Erläuterung zitiert, nach der aslama „Eintreten in as-silm“ bedeutet. „Diese Diskussion ist nahezu Wort für Wort die von Abu Ja’far at-Tabari.“[68]

 

Az-Zamachschari (gest. 528/ 1133-34): al-kaschaf

al-islam: Eintreten in as-silm und Ablassen von Krieg mit den Gläubigen durch Ablegen der beiden Bezeugungen.“[69]

 

Ar-Razi (gest. 606/1209): mafatih al-gaib al-muschtahar bi-t-tafsir al-kabir

die zweite Weise (des Verständnisses von al-islam) ist, daß wer immer „aslama“, d.h. in den Frieden (as-silm) eintritt, ist wie ihre Redeweise, daß er in einen Zustand des Sonnenscheins oder der Dürre eingetreten ist. Und die Grundbedeutung von al-silm ist al-salamah (Ganzheit, Frieden, Sicherheit).“.[70]

 

Al-Baidawi (gest. 691/1291?): anwar at-tanzil wa asrar at-tawil

al-islam als “Folgen (inqiyad) und Eintreten in al-silm and die beiden schahadas Bezeugen”… „Und es wird euch nicht zukommen außer wenn ihr dem Propheten die Gunst von al-islam gewährt (wa lam yahsulu lakum wa-illa manantum ’ala-rasul bi`l-islam) und zu kämpfen aufhört.“[71]

 

Abu-s-Su’ud (gest. 982/1574): irschad al-’aql as-salim

al-islam: „Folgen (al-inqijad) und Eintreten in Frieden (al-silm) und Bezeugen der Bezeugung (al-schahada) und Aufhören zu kämpfen.“[72]

 

Al-Kaschani (gest. 1090/1680): as-safi fi tafsir kalam Allah al-wafi:

Wiederum hören wir das Echo von al-Baidawis (und al-Zamachscharis) Worten, wenn beide Abu’l-Su’ud und al-Kaschani islam definieren als „Folgen (al-inqijad) und Eintreten in Frieden (al-silm) und Bezeugen der Bezeugung (al-schahada) und Aufhören zu kämpfen.“[73]

 

Al-Alusi (gest. 1270/1854): ruh al-ma’ani fi tafsir al-qur’an

islam ist Folgen (inqijad) und Eintreten in den Frieden (silm), und es ist das Gegenteil von Krieg …“[74]

 

Abduh (gest. 1323/1905): tafsir al-manar

Zu 3:19

islam wird linguistisch nicht nur als Unterwerfung sondern als Eintreten in Frieden (salm) oder Versöhnung und Ganzheit (silm) genommen.“[75]

Zu 3:85

islam ist Eintreten in Frieden (as-silm), und es wird angewendet für das Gegenteil von Krieg und für Sicherheit und Ganzheit (as-salamah).“[76]

Zu 49:14 ff.:

Die Unterwerfung dieser Araber war zum Zweck der Schlichtung mit den Gläubigen nachdem man im Krieg mit ihnen gewesen war (dies gemäß der linguistischen Definition, die er vorher islam gegeben hat).“[77]

 

Lexikalisches

   Bis hierhin haben wir, wenn auch sicher nicht absolut vollständig, so doch hoffentlich die maßgeblichen Diskussionsbeiträge der nichtmuslimischen Fachwissenschaftler betrachtet. Dies ermöglichte zugleich einen zumindest teilweisen Blick auf die muslimischen Quellen werfen zu können, auf denen die Orientalistik ja ihre Werke aufbaut. Es gibt indes noch weitere genuin muslimische Quellen, die von der Orientalistik bislang nicht berücksichtigt wurden. Sie sollen nachstehend vorgestellt werden, soweit sie mir bislang bekannt geworden sind. Im Übrigen gehe ich davon aus, daß es noch weitere derartige Fundstellen zu entdecken gibt. Jedenfalls wird aber wohl auch jetzt schon ersichtlich, daß die Fixierung auf die unbedingte Gleichsetzung von „islam“ mit „Unterwerfung“ eine bloß einseitige Darstellung eines vielseitigen Begriffes ist.

   Schon Smith machte darauf aufmerksam, wie schwierig es ist, „den Bedeutungsreichtum der vielen arabischen Wörter, die wir kaum anders als mit einem anderen Ausdruck als „Unterwerfung“ wiedergeben können“ zu übersetzen.[78] Die Diskussion in deutscher Sprache zu führen, ist dementsprechend auch etwas problematisch, weil dabei vielleicht ebenfalls nicht alle Feinheiten und Nuancen der verschiedenen Wörter wiedergegeben werden können. Dennoch bin ich zuversichtlich daß es möglich ist, bei sachlicher Vorgehensweise ein klares Bild zu gewinnen.


[32] The Encyclopaedia of Islam, New Edition, Leiden 1978, Bd. IV, S. 171-174, verfaßt von L. Gardet.

[33] The Encyclopaedia of Islam, New Edition, Leiden 1999, Bd. VIII, S. 918, verfaßt von C. van Arendonk.

[34] Ringgren, op. cit., S.13. Das hier im Deutschen mit „Ganzheit“ wiedergegebene Wort lautet im Englischen „totality“.

[35] Ringgren, op. cit., S.14.

[36] Ringgren, op. cit., S.14, Anm. 1. Als Beleg dafür wird genannt  CIH 315 II. 5,10.

[37] Ringgren, op. cit., S.17. I.H. steht für Ibn Hischam, also sirah Ibn Hischam. Für „machten wir Frieden“ steht im Englischen „we made peace“.

[38] Ringgren, op. cit., S.17 f.

[39] Ringgren, op. cit., S.18.

[40] Ringgren, op. cit., S.18.

[41] Ringgren, op. cit., S.18.

[42] Ringgren, op. cit., S.18.

[43] Ringgren, op. cit. S. 4 f. Vgl. auch Bravmann, M.M.: The spiritual background of early Islam, Leiden 1972.

[44] Ringgren, op. cit., S.21.

[45] Das Leben Mohammed’s nach Mohammed Ibn Ishak bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischam. Aus dem Arabischen übersetzt von Dr. Gustav Weil, Stuttgart 1864, Bd. II, S.237. Ein weiteres von Ringgren kommentiertes Beispiel Bravmanns belegt, daß auch der sog. V. Stamm „tasallama“ von seiner allgemeinen Bedeutung „empfangen, erhalten, sich übergeben lassen“ etc. abgesehen den unmittelbaren Bezug zu „Frieden“ annehmen kann: „Hudail. I, 7, 6. „O Sahr ibn Abdallah, nützt es mir bei dir, daß ich meine nichtigen Worte (für bessere) tausche und mich (vom Schaden) fernhalte?“ Diese Zeile versteht Bravmann als „ … daß ich meine nichtigen Worte unterdrücke und mein Leben riskiere“, während eine von Ringgren wiedergegebene deutsche Übersetzung lautet: (nützt mir) „mein Satteln meiner Schmähworte und mein Frieden halten“, vgl. Ringgren op. cit., S.21.

[46] Ringgren, op. cit., S.18.

[47] Ringgren op. cit., S.22.

[48] Ringgren, op. cit., S.24.

[49] Ringgren, op. cit., S.31.

[50] Ringgren, op. cit., S.33. Für „Gänzliche“ bzw. „gänzliches“ steht im Englischen „total“.

[51] Ringgren, op. cit., S. 5, Anm. 5: Zuhair, Mu’allaka v.20, ’Urwa ibn al-Ward 12,3.

[52] Baneth, Z.H.: What did Muhammad mean when he called his religion „Islam“?, in: Israel Oriental Studies, Bd. I, Tel Aviv 1971, S. 183-190.

[53] Baneth, op. cit., S. 189. Für “Ausschließlichkeit” steht im Englischen „exclusively“.

[54] Ebd.

[55] Robson, James: ‘Islam as a term, in: The Muslim World, Hartford 1954, Bd. XLIV, S.101-109.

[56] Ebd., S.108.

[57] Ebd.

[58] Robson, op. cit., S.102.

[59] Smith, Jane I.: An historical and semantic study of the term Islam as seen in a sequence of Quran commentaries, (Harvard 1970) Missoula 1975.

[60] Smith, op. cit., S.232.

[61] d.h. Religion.

[62] Smith, op. cit., S.233 f.

[63] Smith, op. cit., S.19.

[64] Smith, op. cit., S.19.

[65] Smith op. cit., S.62 übersetzt al-inqijad mit “being led”, d.h. „Geführtwerden“, doch scheint mir im Deutschen „Folgen“ passender. Das Wort im VII. Stamm kommt von „qada“ (leiten, führen, lenken)

[66] Smith, op. cit., S.62.

[67] Smith, op. cit., S.88.

[68] Smith, op. cit., S.84, Anm. 112.

[69] Snmith, op. cit., S.100.

[70] Smith, op. cit., S.108.

[71] Smith, op. cit., S.126.

[72] Smith, op. cit., S.156.

[73] Smith, op. cit., S.156.

[74] Smith, op. cit., S.179.

[75] Smith, op. cit., S.191.

[76] Smith, op. cit., S.197.

[77] Smith, op. cit., S.198.

[78] Smith, op. cit., S.63.

Quelle: http://www.al-islam-web.de/ZU_ISLAM_FRIEDEN_UND_FRIEDENM.31.0.html


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